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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Eine Milliarde Chinesen auf dem Sprung

In dem Buch "When a Billion Chinese jump" greift Jonathan Watts die Frage auf, was mit der Welt passiert, wenn eine Millionen Chinesen gleichzeitig hochspringen. Als Kind dachte er, die Welt kippe aus den Angeln. Heute stellt sich für ihn die Frage, welche Entwicklung China nehmen wird: Wie gestaltet das Land seine weiteres Wachstum? Schlittert es in die ökologische Katastrophe oder wird es radikale Veränderungen vornehmen? Diese Entscheidung wird massiven Einfluss auf den Rest der Welt haben, wie auch der Untertitel des Buches "Wie China die Menschheit retten wird - oder sie zerstören" verdeutlicht.

Führende Wirtschaftsnation
China hat in den vergangenen Jahren ein rasantes Wirtschaftswachstum von über 10% jährlich geschafft, um damit laut der OECD die europäische Union im Hinblick auf die Wirtschaftsleistung bereits überholt. Im Jahr 2016 wird das auch für die USA gelten, auch wenn das Wachstum mittlerweile bei "nur" noch 7, 5% liegt. Der Wirtschaftsboom basierte allerdings zu einem großen Teil auf Investitionen in Großinfrastrukturprojekte, dem Bau von Häusern, Autobahnen, Messezentren, Flughäfen, Riesenstaudämmen. Die Regionen überbieten sich mit zweifelhaften Bauprojekten, um Wachstumszahlen melden zu können, ganze Industriezweige produzieren am Bedarf vorbei (Beispiel: Stahlindustrie, die Stahlproduktion liegt 50% über dem Bedarf).

Als neuer "global player" betrifft Chinas Engagement fast alle strategisch wichtigen Regionen in der Welt, um seinen unersättlichen Hunger nach Rohstoffen zu stillen: Sie bauen die Infrastruktur in Afrika auf, das im Gegenzug als Rohstofflager für Erdöl, Kaffee und Metalle herhalten müssen. In Südamerika kauft China Vorkommen der "Seltene Erden" auf, die für die Modernen Kommunikationstechnologien und Grüne Technologien benötigt werden, um seine Monopolstellung, die es durch einheimische Quellen schon innehat, zu untermauern (vgl. Claus Kleber). Aus Brasilien importiert das Land ab 2013 Millionen Tonnen Getreide.

Führender CO2-Emittant
Doch auch in anderer Hinsicht hat China aufgeholt: der zügellose Wirtschaftsboom hat China zu einem der dreckigsten Staaten der Welt gemacht. Die jährlichen Pro-Kopf-CO2-Emissionen von China haben sich mit 6,6 Tonnen infolge des rasanten Wirtschaftswachstums an die der Europäischen Union (7,3 Tonnen) angenähert, liegen aber noch immer weit unter denen eines Amerikaners, der durchschnittlich für 17,2 Tonnen Kohlenstoffdioxid verantwortlich ist. Zum Vergleich: In Indien lag der Pro-Kopf-Ausstoß bei 1,8 Tonnen. Da China mit etwa 1,3 Milliarde Menschen ein Fünftel der Weltbevölkerung stellt und damit das bevölkerungsreichste Land der Welt (siehe Thema "Weltbevölkerung")  ist, werden insgesamt etwa ein Viertel der globalen Emissionen durch China verursacht, während die USA für 16 Prozent und die Europäische Union für 11 Prozent der Emissionen zuständig sind.  

Das rasante Wirtschaftswachstum in Verbindung mit der nicht minder rasanten Urbanisierung des Landes fordert seinen Tribut. Sieben der zehn Städte mit der höchsten Luftverschmutzung weltweit liegen hier: Anfang 2013 erreichte die Feinstaubbelastung in vielen chinesischen Großstädten historische Höchstwerte. In dem fernöstlichen Riesenreich gehen immer neue Kohlekraftwerke ans Netz. Wasser- und Sedimentproben, genommen in der Nähe der zwei der größten Ballungszentren der weltweiten Textilproduktion, weisen alarmierende Belastungen mit Schwermetallen auf (z.B. das 128fache der erlaubten Cadmiumbelastung) (Greenpeace 2010). Mit der Umwelt leidet die Gesundheit der Bevölkerung: Die Krebsrate stieg in den vergangenen 30 Jahren um das 5fache, Umweltaktivisten sprechen von fast 500 Krebsdörfern mit stark überhöhten Krebsquoten in der Bevölkerung.

Blockierer China
Beim Thema Umwelt scheitern internationale Vereinbarungen regelmäßig am Widerstand der USA und Chinas, so zuletzt in Kopenhagen und bei der Rio+20-Konferenz.  Zwar bekannten sich China und andere Schwellenländer zu verstärkten Anstrengungen zur Senkung der Treibhausgasemissionen, lehnten aber konkrete Festlegungen und bindende Verpflichtungen mit dem Verweis auf die historische Verpflichtung des Westens beharrlich ab. Tatsächlich ist der historisch akkumulierte CO2-Verbrauch in China noch immer deutlich niedriger als im Westen. Und auch heute geht mehr als die Hälfte des CO2-Ausstoßes der chinesischen Industrie auf das Konto des Westens, weil westliche Firmen (z.B. Textilindustrie) ihre Produktion und damit ihre Verschmutzung nach China verlagert haben, wo sie ausschließlich für den westlichen Konsum produzieren. So werden in China 27% der gesamten Emissionen durch die Produktion für den Außenhandel verursacht - mehr als in jedem anderen Land.

Massenproteste
Laut einer Gallup-Umfrage von Dezember 2012 finden inzwischen 57 Prozent der Chinesen Umweltschutz wichtiger als Wirtschaftswachstum. Im ganzen Land bilden sich kämpferische Umweltgruppen seit im Jahr 2007 Bürgerinitiativen in der Großstadt Xiamen Baustopp und Verlegung einer geplanten Chemiefabrik erzwangen,  Immer mehr Menschen beteiligen sich an Protesten gegen zerstörerische Industrieprojekte und lassen sich nicht vom autoritären Regime bremsen - eine vor einigen Jahren noch undenkbare Entwicklung. So wurden 2011 gleich mehrere Großprojekte verhindert: von Kohlekraftwerken bei Kanton im Süden bis zu Petrochemieanlagen in Dalian im Nordosten.

Die grüne Seite Chinas
"Das Vorurteil, dass China den Klimawandel leugne, hat den Blick auf die Tatsachen lange verstellt" so Claus Kleber in seinem Buch 'Spielball Erde'. Denn neben allen alarmierenden Umweltberichten zeigt das Land auch Bestrebungen seine Emissionen zu reduzieren:
- China ist nicht nur zu einem Weltmarktführer bei Solar-, Wind- und Wasserenergie, sondern zum einem "Weltlabor für alle Formen der modernen Energieversorgung avanciert" (Die Zeit 2012).
- Die gleiche Wirtschaftsleistung wird heute im Vergleich zum Jahr 2006 bereits mit 20 Prozent weniger Energieeinsatz erreicht.
- Das Fernzugsystem war bereits 2012 - 5 Jahre nach Baubeginn - das größte der Welt und wird im Schnelltempo weiter ausgebaut.
- In einigen Städten wird der komplette öffentliche Personennahverkehr auf Hybridfahrzeuge und Elektromobilität umgestellt.  

Im Rahmen des aktuellen Fünfjahresplans (2011 bis 2015) führte die Regierung verbindliche Umweltziele ein (v.a. die Eindämmung bzw. Verbot von Chemikalien) und initiierte Pilotprogramme zur kohlenstoffarmen Entwicklung für immerhin ein Viertel der Bevölkerung in Provinzen und Städten. "Diese „Low-Carbon Development“-Pilotregionen in China und die Energiewende in Deutschland sind derzeit die international wohl am meisten beachteten und kritisch beleuchteten „Großexperimente“ für den notwendigen klimaverträglichen Umbau. Wenn diese beiden Staaten in der Lage sind, ein Wohlstandsmodell mit einem entschiedenen Niedrig-Emissionspfad zu vereinen, dann hat dies weltweit eine große Bedeutung" (Rommeney 2012).

Abschied vom Megawachstum?
Watts warnt in seinem Buch, dass die Problemen unseres Planeten zwar nicht in China gemacht wurden, aber dort auf einen "Point of no return" zusteuern. Neben den düsteren ökologischen Entwicklungen sieht Watts Anlass zur Hoffnung, vor allem weil China führend im Punkt Investitionen und Anreize durch die Politik für eine CO2-arme Wirtschaft ist. Anfang 2013 verkündete der chinesische Ministerpräsident erstmal offiziell eine Abkehr vom 'Wachstum um jeden Preis und die Absicht, sich stärker um die Umwelt und soziale Probleme kümmern zu wollen. Ob das nur eine PR-Formel ist, um das Image als führender Klimasünder aufzupolieren, oder ein echter Wandel zu mehr Nachhaltigkeit, wird die Zukunft zeigen müssen. Die Zahlen weisen in die richtige Richtung: Durch  den vergangenen massiven Ausbau Eneuerbarer Energien (auch aufgrund der Proteste in der Bevölkerung) ging in 2014 und in der ersten Hälfte 2015 der Kohleverbrauch bereits zurück. Eine Studie von der London School of Economics aus 2015 zeigte nun, dass China seinen Scheitelpunkt der Emissionen statt – wie bisher prognostiziert - 2030, wahrscheinlich schon 2025-2020 erreicht haben wird.

Für den Rest der Welt ist die Entwicklung in China zwar wichtig, aber genauso wichtig sind die Nachhaltigkeits-Bestrebungen jedes einzelnen Landes. Von echter Nachhaltigkeit kann auch in anderen Ländern nur gesprochen werden, wenn die Gesamtemissionen tatsächlich reduziert werden, ohne sie in andere Länder zu verlagern, und ohne Einsparungen an einer Stelle durch Mehrverbrauch an einer anderen Stelle zunichte zu machen.

 

Zum Weiterlesen:
London School of Economics 2015: China’s “new normal”: structural change, better growth, and peak emissions, Fergus Green and Nicholas Stern, Policy Brief June 2015

China und die Energiewende. Synergien und Kooperationen zwischen China und Deutschland, von Dirk Rommeney, In: Weitblick, 4/2012, Zeitschrift für eine global gerechte und zukunftsfähige Politik, Germanwatch.

Volkskongress in Peking. Abschied vom Megawachstum. Statt Wirtschaftsboom nun Umweltschutz und Sozialleistungen: Die chinesische Regierung verkündet, dass rasantes Wachstum keine Dauerlösung ist, Felix Lee, 05.03.2013,

Wirtschaftsfaktor Umweltschutz: Chinas Wirtschaft erstickt im Smog, Spiegel online, 17.03.2013,

Beim Strom schlägt China Indien um Längen. In: Die Zeit, 28.12.2012

Die Welt pustet munter weiter CO2 in die Atmosphäre. Besonders China, Indien und die USA heizen dem Klimawandel weiter kräftig ein
. Nur radikale Klimaschutzziele würden helfen. Forscher fürchten eine Erwärmung um fünf Grad., Die Zeit vom 03.12.2012

OECD-Studie: China und Indien hängen den Rest der Welt ab, Die Zeit vom 28.11.2012,

Nachhaltigkeit ist für die chinesische Führung nur eine PR-Formel“ – Interview mit dem China-Experten Jörg Rudolph, 02.01.2012

Worldwatch Report #185: Green Economy and Green Jobs in China: Current Status and Potentials for 2020,

Blue Jeans - eine Katastrophe für Chinas Umwelt, 1.12.2010

ÖKommunismus
, die Zeit, 10.09.2012

Verseuchte Dörfer in China. Gefahr erkannt, nicht gebannt, In: taz, 25.02.2013

China kapituliert vor der Protestgeneration. Aus den Fenstern geworfene Dokumente, verwüstete Büroräume, zerstörte Computer: Die Chinesen glauben ihren Behörden nicht mehr. Erstaunlich ist, wie viele junge Menschen sich dem Protest anschließen, von Johnny Reling, Die Welt vom 29.07.2012

Erneuerbare Energien. China könnte bei Altmaiers Energiewende-Klub mitmachen. Der Umweltminister bemüht sich offenbar darum, China in seinen Energiewende-Klub aufzunehmen. Ein überraschendes Bündnis, denn China ist größter Klimasünder weltweit, Die Zeit vom 15.01.2013,

Peking stockt noch mindestens 20 Jahre der Atem. In: Die Zeit, 28.01.2013

Von der Industriebrache zur Ökoidylle . Grüne Städte in China: Ein Streifzug, von Kristina Simons, In: IP- Die Zeitschrift, 01.07.2012
 

Letzte Änderung: 30.06.2015

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