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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Genderperspektive - Die besonderen Interessen und Bedürfnisse von Frauen

Solange sich die Lebenswirklichkeiten von Frauen und Männern in unseren Gesellschaften noch in dem Maße unterscheiden, wie sie das bis heute vielfach tun, bedürfen die Sichtweisen und Bedürfnisse von Frauen einer getrennten Betrachtung. Eine Gendersperspektive einzunehmen bedeutet, eben diesen Unterschieden und der Erfahrung Rechung zu tragen, dass nach wie vor Chancen, Rechte und Pflichten auch nach Geschlecht verteilt werden.

Frauen besonders von Klimawandel betroffen
Die Folgen des Klimawandels treffen vor allem die Ärmsten. Zu dieser Gruppe gehören überproportional viele Frauen. Infolge ihrer gesellschaftlichen Rollen und Verantwortungen sind Frauen stärker von natürlichen Ressourcen abhängig als Männer. Die Arbeitsbelastung durch Wasser holen und Feuerholz sammeln steigt durch den Klimawandel. Abholzung gefährdet das Überleben von Frauen, während Männer zumindest kurzfristig davon profitieren, z.B. durch Jobs in der Holzverarbeitung oder anderen kommerziellen Nutzungsformen der abgerodeten Flächen. Die Zunahme von Naturkatastrophen infolge des Klimawandels trifft vor allem Frauen: Die Wahrscheinlichkeit zu sterben ist aufgrund ihrer schlechten ökonomischen und sozialrechtlichen Situation 14mal so hoch wie die von Männern. Auch die CDM (Clean Development Mechanisms) und JI (Joint Implementation) – Maßnahmen der Industrieländer, mit denen diese ihre eigenen Klimareduktionsziele umsetzen und gleichzeitig Entwicklungsländern bei der Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung unterstützen können, erreichen selten(er) Frauen. Da Frauen und Männer nicht den gleichen Zugang zu Besitz, Geld, Funds und Märkten haben, profitieren Frauen mit geringerer Wahrscheinlichkeit von den Projekten. Denn der informelle Sektor und die Armen – und damit vor allem Frauen – bleiben davon häufig ausgeschlossen.

Globalisierung und Gender
Die Diskussion um Nachhaltige Entwicklung (weltweit) ist eng mit anderen Themen wie Globalisierung und Bevölkerungsentwicklung verknüpft. In der Debatte um die Globalisierung und deren Folgen fällt aber selten der Begriff Gender oder Frauen. In den Reichstumszonen der Welt, der transnationalen Verbraucherklasse, sind es vor allem Männer, die von der Globalisierung profitieren und deren ökologischer Fußabtritt wächst. Gleichzeitig verlieren vor allem Frauen in den Armutszonen der Welt ihre Lebensgrundlage, z.B. durch die Austrocknung oder Überschwemmung von Böden.

Bevölkerungsentwicklung und Gender
Die weltweite steigende Bevölkerung erhöht den Druck auf die regionalen und lokalen Ökosysteme (Leisinger) und gefährdet die Gesundheit von Frauen und Kindern. Die höchsten Geburtenraten finden sich dort, wo Frauen besonders von Armut betroffen sind und wenig Zugang zu Bildung haben. Eine verantwortungsvolle Bevölkerungspolitik sollte also nicht primär auf einen quantitativen Rückgang – etwa durch staatliche Eingriffe beschränkt werden – sondern die Lebensqualität in den Gesellschaften verbessern und damit eine eigenverantwortliche, selbstbestimmte Entscheidung der Frauen ermöglichen.

Gendermainstreaming als politische Strategie
Sowohl auf deutscher, auf EU als auch auf internationaler Ebene verpflichteten sich die Politik mit dem Gender-Mainstreaming-Ansatz dazu, bei allen Vorhaben die unterschiedlichen Interessen und Lebenswirklichkeiten von Männern und Frauen zu berücksichtigen.
Auf EU-Ebene wurde der Gender-Mainstreaming-Ansatz erstmals im Amsterdamer Vertrag von 1999 rechtlich verbindlich festgeschrieben. Auch der Vertrag von Lissabon im Jahr 2008 verpflichtet die EU zu „Gender Mainstreaming“. Auf der 3. Weltfrauenkonferenz der Vereinten Nationen 1985 wurde Gendermainstreaming als politische Strategie vorgestellt. Entgültig verabschiedet wurde die als Strategie der internationalen Gleichstellungspolitik auf der 4. und vorerst letzten Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking. Dort unterzeichneten Delegierte aus 189 Länder die "Pekinger Aktionsplattform", die "ein einzigartiges Programm zur Gleichstellung von Frauen und Männern in zwölf kritischen Themenfeldern darstellt" (www.genderkompetenz.info). Die Bilanz allerdings fiel nach 15 Jahren im Jahr 2010 eher ernüchternd aus. Teilnehmerinnen aus internationalen NGO kritisierten in einem gemeinsamen Statement der Bilanzkonferenz, dass die Aktionsplattform von den Regierenden nur noch als technisches Instrument betrachtet wird und deren Substanz entpolitisiert worden sei.

Gendersensible Nachhaltigkeitskonzepte?
In der Umweltpolitik und in Nachhaltigkeitskonzepten werden Geschlechterverhältnisse meist nur im Sinne der unterschiedlichen Betroffenheit von Umweltproblemen diskutiert. Ignoriert und dadurch weiter verstärkt  wird die geschlechtsspezifische Arbeits- und Machtteilung. So wirkt sich beispielsweise die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung - Frauen übernehmen noch immer den Großteil der Familienarbeit, während Männer Vollzeit erwerbstätig sind - auf das Mobilitätverhalten aus. "Mobilitätsmuster und -anforderungen der Versorgung und Betreuung werden jedoch von der Verkehrsplanung nicht ausreichend berücksichtigt, dabei sind sie doch für Nachhaltigkeitskonzepte zur Reduzierung von Automobilität zentral" (Vinz 2005).

Deshalb setzt die gendersensible Nachhaltigkeitsforschung auf die Entwicklung eines umfassenden gendersensiblen Ansatzes. Dieser beinhaltet vor allem die Einbindung von Frauen bzw. Genderexpertinnen in alle Verhandlungen und Entscheidungen einzubinden sowie alle Nachhaltigkeitsthemen einer Genderanalyse zu unterziehen. Das erfordert vor allem ein erweitertes Verständnis von Ökonomie, das nicht nur die monetär vermittelte Arbeit sondern die Gesamtheit der lebensnotwendigen Arbeit berücksichtigt, d.h. auch die für die Lebens- und Arbeitsverhältnisse von Frauen typische Versorgungsarbeit (Subsistenz, Reproduktion).

Klima- und Geschlechtergerechtigkeit hängen zusammen
Vor 20 Jahren (Ende 1993) wurde das FrauenUmweltNetz ins Leben gerufen, das sich der Vernetzung von Fachfrauen, die zu Gleichstellungsaspekten der Umweltpolitik arbeiteten, widmete. 10 Jahre später wurde daraus genanet – die Leitstelle Gender |Umwelt | Nachhaltigkeit, die die Frauen- und Chancengleichheitsperspektive auf die Genderperspektive erweiterte. Die unter dem Aspekt „Frauen und Gender“ zusammengeschlossenen Beobachterorganisationen im Klimaprozess – WECF (Women in Europe for a Common Future), GenderCC (Women for Climate Justice e.V.), WEDO und LIFE/genanet wollen Frauen eine stärkere Stimme in der Diskussion um nachhaltige Entwicklung und Umweltpolitik geben. Sie betonen, dass Klimagerechtigkeit und Geschlechtergerechtigkeit eng miteinander verknüpft sind und setzen sich dafür ein, dass die Geschlechterdimension in der Klimapolitik berücksichtigt wird.

 

Zum Weiterlesen:

Irmgard Heilberger/Barbara Lochbihler 2010 (Hrsg.): Frau Macht Veränderung. 15 Jahre Pekinger Weltfrauenkonferenz - 15 Jahre Frauenfriedenszug: Bilanz und Perspektiven, Bonn

Die Pekinger Aktionsplattform, UN Women

Christa Wichterich 2010: Absurdes Theater um Frauenrechte, Beitrag auf der Webseite des Gunda-Werner-Institut in der Heinrich-Böll-Stiftung (GWI)

We can end poverty, United Nations Millenium Development Goals and Beyond 2015

UN Women, United Nations Entity for Gender Equality and the Empowerment of Women, gegründet 2010

Women Watch, Information and Resources on Gender Equality and Empowerment of Women, Informations-Plattform von UN Women

Gender, climate change and adaptation. Introduction to the gender dimensions

Newsletter zu Geschlechtergerechtigkeit und Nachhaltigkeit , monatlich herausgegeben von genanet

Araujo, Ariana/Quesada-Aguilar: Gender Equality and Adaptation

Susanne Schön/Dorothee Keppler/Brigitte Geißel 2002: Gender und Nachhaltigkeit. Sondierung eines unübersichtlichen Forschungsfeldes

Klaus M. Leisinger 2007: Anforderungen an eine erfolgreiche Bevölkerungspolitik,  Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung

Agenda 21, Kapitel 24: Frauen

Vinz, 2005: Nachhaltigkeit und Gender- Umweltpolitik aus der Perspektive der Geschlechterforschung, Berlin

Christa Wichterich 2002: Immer noch die Putz- und Schutzkolonne.  Der Erdgipfel betonte die Rolle der Frauen beim Umsteuern, richtig ans Steuer ließ man sie nicht.

Christa Wichterich 2010: UN-Erklärung zu Frauenrechten. Gipfel der Ernüchterung, In: taz.de vom 06.03.2010

Letzte Änderung: 17.02.2015

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