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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Klimawandel als Sicherheitsrisiko

Das Thema Klimawandel wird von einer breiten Öffentlichkeit bislang meist als reine Umweltthematik wahrgenommen. Dabei ist schon jetzt deutlich, wie sehr die globale Erderwärmung auch als machtpolitischer und wirtschaftlicher Faktor in Verteilungskämpfen der Weltmächte um lebenswichtige Ressourcen an Bedeutung gewonnen hat. So drohen Konflikte um Wasser, wenn die Gletscher des Himalaya und der Anden schrumpfen, und dabei große Flüsse der Region verkümmern lassen. Wenn Wüstengebiete in Arabien und Asien weiterhin wachsen, führt dies zu Nahrungsmittelengpässen und weckt Begehrlichkeiten auf fruchtbares Land an anderen Plätzen der Welt. Und schon jetzt machen mehrere Anrainerstaaten Ansprüche auf die Handelswege und milliardenschweren Bodenschätze geltend, die das schmelzende Eis der Arktis immer mehr frei gibt. So verleiht der fortschreitende Klimawandel alten Konflikten eine neue Sprengkraft und erzeugt auf der Weltkarte auch neue machtpolitische Brennpunkte.

Die Geopolitik des Klimawandels kommt aus der Nische
Eine wissenschaftliche Grundlage für die Diskussion der sicherheitspolitischen Bedeutung des Klimawandels lieferte das Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderungen (WBGU) zum Thema „Sicherheitsrisiko Klimawandel“ (2007). Darin wird festgestellt, dass die Auswirkungen des Klimawandels – insbesondere Hitzewellen, Dürren, Waldbrände, Trinkwasserknappheit, Bodendegradation, Nahrungsmittelknappheit, Migration, Überflutung von Küstenregionen - bestehende Konflikte unkalkulierbar machen und Auseinandersetzungen insbesondere in fragilen Regionen verstärken. Bislang jedoch werden die machtpolitischen Dimensionen des Klimawandels in ihrer Gesamtheit weniger an Universitäten erforscht, als an externen „Think Tanks“ und Institutionen für Politikberatung, wie am „Chatham House“ in London und „Adelphi“ in Berlin, die ihre Analysen Regierungen, internationalen Organisationen und Unternehmen zur Verfügung stellen.

Konfliktfaktor Gletscher-Schmelze
Mit der Eisschmelze der Himalaya-Gletscher ist die Wasserversorgung von Millionen Menschen bedroht. Denn allein sieben der größten Ströme der Welt speisen sich aus diesem Gletscherwasser und versorgen 1,3 Millionen Menschen in Indien, China, Pakistan und Bangladesh in ihren Einzugsbereichen. Bisher schmolzen die Eispanzer der Gletscher im Sommer langsam ab, so dass über das Jahr hinweg kontinuierlich Wasser in den Flüssen vorhanden war. Da manche Gletscher nun rasanter schmelzen, kam es in dieser Region im Frühjahr zuletzt immer wieder zu Überschwemmungen. Das Schwemmwasser versickert, und die restliche Zeit des Jahres reicht der Süßwassernachfluss zur Versorgung nicht aus.

Als im November 2010 Satellitenfotos enthüllten, dass China im tibetischen Himalaya einen Staudamm baut, meldeten sich gleich besorgte Stimmen aus Indien und Bangledesch. Denn der chinesische Zangmu-Staudamm entsteht an einem großen Fluss, der als Yarlung Tsangpo in Tibet entspringt und später nach Indien und dann Bangladesch weiterfließt, wo er als Brahmaputra bekannt ist. Die anderen Flussanreiner befürchten nun, dass China den Tsangpo/Brhamaputra aus dem Himalaya in die Trockengebiete in Chinas Nordwesten umlenkt. „Big Dam, Big Tension“, verkündeten die Banner indischer Demonstranten gegen das Staudamm-Projekt: „Großer Damm, Großer Konflikt“. Die internationalen Studie "The Himalayan Challenge“ von 2010 schätzt, dass es in China, Indien, Nepal und Bangladesh bis zum Jahr 2050 zwischen 50 und 70 Millionen Klimaflüchtlinge geben wird, die vor allem aus Wasserarmut und dem damit verbundenen Nahrungsmangel ihre Heimat verlassen müssen.

Brennpunkt Arktis
In der Arktis, von der Experten annehmen, dass sie innerhalb der nächsten 20 bis 30 Jahre im Sommer eisfrei sein wird, schafft der Klimawandel auf andere Weise einen neuen machtpolitischen Brennpunkt. Denn unter dem arktischen Eispanzer vermuten US-Geologen fast ein Viertel der noch unentdeckten Gas- und Öl-Vorräte der Erde. Nach dem „US Geological Survey“ vom Juli 2008 birgt das Gebiet nördlich des Polarkreises rund 90 Milliarden Barrel technisch förderbares Öl und fast 50 Billionen Kubikmeter Erdgas. Angesichts dieses gigantischen Rohstoff-Reservoirs und dem damit verbundenen Wettlauf zeichnen sich bereits Differenzen zwischen Anrainerstaaten wie Russland, Kanada, Dänemark, Norwegen und den USA ab.
Aufsehen erregte dabei zunächst Russland, dass 2001 bei einer Eingabe an die UN argumentierte, aufgrund des geologischen Weiterverlaufs von Kontinentalrücken des russischen Festlandes gehöre ein großer Teil der Arktis zu russischem Gebiet - inklusive des Nordpols. Seitdem sind auch dänische und kanadische Forscher angetreten die Arktis-Ansprüche ihrer jeweiligen Länder mit dem geologischen Verlauf der Kontinentalrücken gegenüber Russland zu behaupten. Im Juli 2007 verankerten russische Wissenschaftler mittels eines U-Bootes eine russische Flagge aus rostfreiem Titan in über 4.200 Meter Tiefe im Meeresboden genau auf dem geografischen Nordpol als Symbol ihres Gebietsanspruchs. Dieser „kalte Krieg“ um die Arktis lässt bereits die Schärfe der neuen Verteilungskämpfe um die Bodenschätze des Nordpol erahnen, wenn der Eispanzer weiter schmilzt.

Versinkende Inseln, neue Handelswege und Landnahme
Die Verschärfung von Konfliktpotenzialen im Himalaya und in der Arktis sind nur zwei eindringliche Beispiele und Regionen, in denen der Klimawandel die geopolitischen Machtverhältnisse beeinflusst. Weitere Brennpunkte sind die Inselstaaten der Südsee wie Tonga, die durch den ansteigenden Meeresspiegel bedroht sind. Manche Völkerrechtler argumentieren, dass solche Inselstaaten ihre Rechte an Fischerei und Bodenschätzen innerhalb einer sogenannten „Exklusiven Ökonomischen Zone“ von 200 Seemeilen beibehalten, selbst wenn sie untergegangen sind. Bereits jetzt sprechen Experten von einem laufenden Wettkampf der Pazifik-Mächte USA und China um diese wichtigen Ressourcen der vom Untergang bedrohten Inselparadiese, sowie um die sie umgebenden Handelsrouten. Auch das Phänomen der Landnahme in fremden Ländern („Landgrabbing“) wird durch die globale Erderwärmung verschärft. Wenn global operierende Firmen aus Saudi-Arabien in Äthiopien Land für Reisanbau aufkaufen, und Chinesen in Brasilien auf riesigen Plantagen Soja ausschließlich zum Export in ihre Heimat anbauen lassen, so hat dies nur zum Teil mit dem normalen Bevölkerungswachstum in den Ursprungsländern zu tun. Ein weiterer Grund ist die globale Erderwärmung, durch die sich die Wüstengebiete in Saudi-Arabien und China weiter ausdehnen – so ist die Wüste Gobi stellenweise auf bis zu 70 Kilometer an Peking herangerückt und ihre Sandstürme aus der Inneren Mongolei legen immer wieder das Leben der Metropole lahm. Daher kaufen diese reicheren Länder meist in ärmeren Regionen der Welt fruchtbare Landstriche auf, um sich dort die Kontrolle über Wasser, Nahrung oder Energieproduktion für ihre Heimat zu sichern. Wie eine Kartengrafik des britischen „Guardian“ illustriert, ist China ist der Spitzenreiter dieser Landnahme: zwischen 2001 und 2007 erwarben Chinesische Firmen über 2 Millionen Hektar fremdes Land, gefolgt von Saudi-Arabien mit 1,6 Millionen Hektar und den Vereinigten Arabischen Emiraten mit 1,3 Millionen.

Sicherheitsrisiko Klima in Deutschland?
Bei Folgen des Klimawandels für Deutschland wird meist nur an die Zunahme von Extremwetter-Erscheinungen gedacht, wie Überschwemmungen und Sturmfluten durch einen höheren Wasserstand in der Nordsee. Aber auch die machtpolitischen und wirtschaftlichen Verteilungskämpfe, die im Zuge des fortschreitenden Klimawandels entbrennen, werden nicht nur Entwicklungs- und Schwellenländer, sondern auch uns treffen. Mit der zunehmenden Erderwärmung gewinnen energiesparende Grüne Technologien wie Windkraft, Elektroautos, Energiespar-Produkte (Energiesparlampen, langlebige Batterien) an Bedeutung. Hierfür haben deutsche Wissenschaftler und Ingenieure genügend Know-How und zahlreiche Patente entwickelt, aber wichtige Rohstoffe für die Grünen Technologien liegen in anderen Regionen der Welt. So die Seltenen Erden, eine Vielzahl besonderer Metalle, die vor allem für Elektromotoren, Energiespar-Lampen, langlebige Batterien und die Dauermagneten für Windturbinen benötigt werden. Derzeit kontrolliert China bis zu 98 % der Weltproduktion der Seltenen Erden und hat deren Export zuletzt stark beschränkt. So droht Deutschland im weltweiten Verteilungskampf um Rohstoffe zur Energie-Sicherung ins Hintertreffen zu geraten. Die Gründung der Deutschen Rohstoffagentur im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie im Oktober 2010 wird ein Mechanismus zur Sicherung klimarelevanter Ressourcen sein.

Die neue Geopolitik des Klimawandels - eine Aufgabe für die Vereinten Nationen
Der Klimawandel ist somit nicht nur ein Umweltproblem, sondern auch ein Machtfaktor, der strategische Interessen, ökonomische und politische Bündnisse zwischen Ländern verändern kann. Damit sich Konflikte im Zuge des Klimawandels nicht verschärfen, bedarf es neuer Formen der Kooperation um lebenswichtige Ressourcen wie Wasser, Nahrung und Energie für alle zu sichern. Unter deutschem Vorsitz wurde im UN-Sicherheitsrat am 20. Juli 2011 in New York zum ersten Mal Klimawandel als Risiko für den Weltfrieden thematisiert. In den Debatten zwischen den Ländern blieb strittig, wie mit konkreten Fällen wie den versinkenden Inselstaaten umzugehen ist. Allerdings wurde zum ersten Mal beschlossen, dass der Fokus des UN-Sicherheitsrates nicht allein auf die Bearbeitung von akuten Krisen gerichtet sei, sondern auch die Befassung mit drohenden zukünftigen Konfliktlagen zu seinen Aufgaben zähle. Ein erster Schritt auf dem langen Weg zum Ideal einer vorausschauenden Klima- und Umweltpolitik, die einen stabilisierenden Beitrag zu langfristiger Krisenvorbeugung und globalen friedlichen Entwicklung leistet.

Zum Weiterlesen:

The Himalayan Challenge: Water Security in Emerging Asia, Studie von 2010 der Strategic Foresight Group, www.strategicforesight.com

„Machtfaktor Erde“
http://machtfaktorerde.zdf.de/
Eine ZDF-Dokumentation von Claus Kleber und Angela Andersen beschäftigt sich mit den geopolitischen Folgen des Klimawandels, Onlinemodul der Dokumentation, ZDF 2011.

„Klima und Sicherheit“
http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/GlobaleFragen/Klima/KlimaUndSicherheit_node.html
Dossier des Auswärtigen Amtes zum Thema Klima und Weltsicherheit anlässlich der Debatte vor dem UN-Sicherheitsrat vom 20. Juli 2011.

„Klimawandel und Sicherheit“
Ein Dossier der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit
über die Herausforderungen der Sicherheitsproblematik des Klimawandels für die deutsche Entwicklungszusammenarbeit, April 2008.

„Der Klimawandel gefährdet die Sicherheit Europas“
Eine EU-Studie warnt: Der Klimawandel gefährdet die Sicherheit Europas. Welt, 7.3.2008

Die Kartierung der Arktis: Bodenschätze, Großmachtpolitik und multilaterale Governance aus Politik und Zeitgeschichte (APUZ), 5-6/2011

„Global Warring“http://www.huffingtonpost.com/cleo-paskal/emglobal-warring-how-envi_b_616166.html
Englischer Blog von Cleo Paskal, einer Vordenkerin zum Thema Klimawandel und Weltsicherheit an der Londoner Denk-Fabrik Chatham House, Huffington Post, 18.06.2010

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