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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Nachhaltiger Verkehr: Brauchen wir mehr Verkehr?

Das Ziel eines „Nachhaltigen Verkehrs“ stellt einen von sieben Hauptschwerpunkten der EU-Nachhaltigkeitsstrategie dar. Nicht ohne Grund: Denn der Verkehr ist der einzige Sektor in der Europäischen Union und in Deutschland mit steigenden CO²-Emissionen. Außerdem wächst das Verkehrsaufkommen schneller als die europäische Wirtschaft. Deshalb wird laut EU-Nachhaltigkeitsstrategie nicht nur eine ausgewogene Verlagerung auf umweltfreundliche und öffentliche Verkehrsmittel und eine Reduktion des Schadstoffausstoßes von Fahrzeugen angestrebt sondern auch eine Verringerung des Verkehrsaufkommens durch veränderte Produktions- und Logistikprozesse.

Konflikt mit Lissabon-Strategie?
Dieses Ziel der Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Verkehrsnachfrage, also weniger Verkehr bei mehr Wachstum und eine Umkehrung des Verhältnisses, steht Kritikern zufolge aber in einem Konflikt mit der Lissabon-Strategie, die im März 2000 von den Staats- und Regierungschefs des Europäischen Rates auf den Weg gebracht wurde und zum Ziel hat, Europa zur wettbewerbsfähigsten Wirtschaft der Welt zu machen.o „Zur neuen Brüsseler Agenda passt das nicht. Die steht ganz im Zeichen der Wettbewerbsfähigkeit und dazu gehört nach Ansicht der Kommission auch das Wachstum des (Güter-)Verkehrs“. Mit ihrem Kurs der „Co-Modalität“ will sie alle verschiedenen Verkehrswege, von der Straße über die Schiene bis zur See ausbauen und in Logistikketten verbinden, um so einen Wettbewerbsvorteil der Europäischen Union zu schaffen und „nur noch den wachsenden Verkehr von seinen negativen Folgen entkoppeln“ (Reh/Raddatz 2006).

Verkehrsaufkommen gefährdet Kyoto-Vereinbarungen 
Sowohl der Personen- als auch das  Güter-Verkehrsaufkommen nahm zwischen 1994 und 2010 um etwa 20 %  Prozent (Statistische Kommission 2014) zu. Das vergleichsweise schnelle Wachstum des Güterverkehrs innerhalb der EU lässt sich durch die rasche Zunahme des weltweiten Handels bis zum Einsetzen der Wirtschafts- und Finanzkrise und die vermehrte Integration aufgrund der EU-Erweiterungen sowie eine Reihe von Praktiken der Wirtschaft (wie die Konzentration der Produktion an einigen wenigen Standorten, um Größenvorteile nutzen zu können, Standortverlagerungen und Just-in-time-Lieferungen) erklären. Für die kommenden Jahre wird ein weiterer Anstieg erwartet: Der Güterverkehr wird bis 2050 etwa um 80 % im Vergleich zu 2005 zunehmen (Europäische Kommission 2014). Im Personenverkehr wird der Anstieg mit 51 % bis 2050 etwas geringer ausfallen. 

Die Vorherrschaft der Straße

 

 

Personenverkehr    

Güterverkehr

(individualisierter) Straßenverkehr     

80, 4%

49, 4 %

Schienverkehr

7,6 %

11, 7 %

Luftverkehr

5 %

0,1 %

Öffentlicher Personennahverkehr

6, 9 %

 

Seeschifffahrt

 

31,3 %

Binnenschifffahrt

 

4,4 %

Pipelines

 

3,2 %

Datenquelle: Statistical Pocketbook 2015

Weniger Emissionen, weg von der Straße
Die EU betont die Bedeutung eines funktionieren Verkehrssystems für den europäischen Binnenmarkt. Dementsprechend setzt das Verkehrskonzept der EU nicht auf eine Reduzierung des Verkehrsaufkommens, sondern einerseits auf eine Reduktion der Emissionsraten, andererseits auf eine natürliche Abwanderung von der Straße auf andere Verkehrsmittel. Um niedrigere Kohlenstoffemissionsgrenzen für Autos zu erreichen, wurde im Jahr 1998 zunächst auf eine Selbstverpflichtung der Automobilhersteller gesetzt. Als diese scheiterte, wurde im Jahr 2009 ein Gesetz verabschiedet, das die Automobilhersteller verpflichtet, den CO²-Ausstoß bis 2015 für alle PKWs auf 130g/km zu reduzieren (mehr im Artikel Emissionen von Autos). Im Jahr 2013 wurde eine Verschärfung dieser Ziele von der EU beschlossen, die vorsieht, dass 2020 95 Prozent aller neuen PKW maximal 95 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen dürfen. Auch durch die vermehrte Erzeugung von Biokraftstoff sollen die Emissionsraten weiter gesenkt werden. 

Kombinierte und harmonisierte Netze
Um den Verkehr zunehmend von der Straße auf andere Verkehrsmittel zu verlegen, werden im Rahmen der Politik der Transeuropäischen Verkehrsnetze (TEN-V) kombinierte Verkehrsnetze (Bahn/Flugzeug, Bahn/Straße) unterstützt und eine gesteigerte Wettbewerbsfähigkeit der Bahn angestrebt. Ein Großteil des durch die EU bereitgestellten TEN-V Geldes fließt in Bahnprojekte bzw. in Hochgeschwindigkeitsbahnen. Aber auch der Schiffsverkehr soll ausgebaut werden: So setzt das Mehrjahresprogramm 2010 vor allem auf Vorhaben im Bereich der Meeresautobahnen und der Binnenschifffahrtsinformationsdienste, um die überlasteten Straßen zu entlasten. Im Jahr 2010 wurde der Förderung des Aufbaus eines integrierten und umweltfreundlichen Verkehrssystems erstmalig oberste Priorität eingeräumt. Dabei soll insbesondere eine Harmonisierung technischer Normen garantiert werden, so dass die Netze unterschiedlicher Länder in Europa miteinander verknüpft werden können.

Güterverkehr: Verkehrskorridore und Vereinheitlichung 
Liberalisierung und Marktöffnung kennzeichneten in den 90er Jahren die Verkehrspolitik im Güterverkehr: Die nationalen Verkehrsträger wurden also für den Wettbewerb geöffnet, so dass Leerfahrten im Güterverkehr bei LKWs, Zügen und Flugzeugen zunehmend entfielen, weil sie auch im Ausland beladen werden dürfen. Eine Harmonisierung und Synergie zwischen den nationalen Systemen allerdings wurde verpasst und soll jetzt nachgeholt werden: Durch die Vereinheitlichung von Logistikprozessen (zum Beispiel gleiche Ladungstechniken, einheitliche, intermodale Dokumente) oder computergestützte Geschwindigkeitsanpassung um das zeit- und energieintensive Stop-and-Go zu vermeiden. Auch im Güterverkehr wird auf die intermodale Vernetzung der verschiedenen Verkehrsträger gesetzt - also Transportketten bei der Bahn und Schiff den Gütertransport auf Langstrecken übernehmen und die Feinverteilung durch LKWs stattfindet. Der Güterverkehr soll in spezifischen „grünen“ Verkehrskorridoren konzentriert werden, in denen die beschriebene Ko-Modalität und innovative Technologien genutzt werden. Eine aktuelle Studie des Umweltbundesamtes aber zeigt, dass eine Regionalisierung der Wirtschafts- und Produktionskreisläufe und damit ein vermindertes Wachstum des (Güter)Verkehrs kaum Eingang in die Konzepte der Europäischen Union findet.

Emissionshandel: Flugverkehr wird einbezogen
Schätzungen zufolge ist der Flugverkehr für vier bis zwölf Prozent der globalen anthropogenen Erwärmung verantwortlich und sein Aufkommen wächst rasant. In der europäischen Union haben sich die Emissionen des Luftverkehrs von 1990 bis 2015 verdoppelt (Term-Report 2015). Die Treibhauswirkung des Fliegens wird aber nicht nur durch den CO² -Ausstoss bewirkt, „sondern verschiedene Effekte summieren sich derart, dass die Treibhauswirkung des Fliegens im Durchschnitt etwa der zwei- bis fünffachen Wirkung entspricht, die alleine durch den CO²-Ausstoß verursacht wird“ (Germanwatch 2008). Die Antwort der EU ist – neben Maßnahmen der Besteuerung, Forschung und Verbesserungen im Luftverkehrsmanagement, die Anfang 2009 in Kraft getretene EU-Richtlinie zur Einbeziehung des Luftverkehrs in den Emissionshandel (ETS). Ab Anfang 2012 müssen alle Fluglinien mit Starts und Landungen in Europa Zertifikate für CO²-Emissionen vorlegen. Ziel ist es, Anreize für die Luftfahrtsgesellschaften zu schaffen, ihre Emissionen zu reduzieren. Bleibt die Hoffnung, dass aus den bisherigen Erfahrungen aus dem Emissionshandel gelernt wurde, damit es zu wirklichen Änderungen beim CO²-Ausstoß der Luftfahrt kommt.

Zum Weiterlesen: 
European Commission 2015: EU Transport in figures. Statistical Pocketbook 2015.
http://ec.europa.eu/transport/facts-fundings/statistics/doc/2015/pocketbook2015.pdf

Europäische Kommission 2014: Verkehr. Die europäische Union erklärt. Vernetzte Mobilität für die Bürgerinnen und Bürger und Unternehmen Europas
http://europa.eu/pol/pdf/flipbook/de/transport_de.pdf

Europäische Kommission 2011: Weissbuch. Fahrplan zu einem einheitlichen europäischen Verkehrsraum - Hin zu einem  wettbewerbsorientierten und ressourcenschonenden Verkehrssystem
http://eur-lex.europa.eu/legal-content/de/TXT/PDF/?uri=CELEX:52011DC0144

DNR EU-Koordination 2012: Steckbrief Weißbuch Verkehr 2050
http://www.eu-koordination.de/PDF/steckbrief-weissbuch-verkehr.pdf

Reh, Werner/Raddatz, Viviane 2006:  Bruder Bleifuss kehrt zurück. Die Europäische Verkehrspolitik. In: Grünbuch Europa, politische ökologie 102/103, S. 46ff.

Auf der Suche nach umweltfreundlicher Mobilität.
Ein Überblick des Portals der Europäischen Union europa.eu, mit den geltenden Rechtsvorschriften und Linksammlung.

Richtlinie 2008/101/EG 2008 zwecks Einbeziehung des Luftverkehrs in den Emissionshandel

Zum Download als .pdf [124]

Europa am Scheideweg: Die Notwendigkeit einer nachhaltigen Verkehrspolitik

Der Text der EU von 2003 fasst die Schwerpunkte der europäischen Verkehrspolitik zusammen.

Zusammenfassung der EU-Gesetzgebung: Verkehr, Energie und Umwelt http://europa.eu/legislation_summaries/transport/transport_energy_environment/index_de.htm

Der internationale Flugverkehr und der Klimawandel, 2008, Germanwatch

Richtlinie 2008/101/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 19. November 2008 zwecks   Einbeziehung des Luftverkehrs in das System für den Handel mit Treibhausgasemissionszertifikaten in der Gemeinschaft

Emissionshandel: Die Luftnummer.
In: Geo Magazin, 12/2010, von Jürgen Schäfer und Malte Henk

Letzte Änderung: 25.06.2016

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