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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Suffizienz: Was ist „Genug“?

Im Fokus der umweltpolitischen Strategie Deutschlands stehen die Konsistenz und die Effizienz, zwei Ansätze, die auf Veränderungen bei der Produktgestaltung setzen. Während Konsistenz den Übergang zu umweltverträglicheren Technologien anstrebt, setzt die Effizienz auf eine Steigerung der Produktivität, also gleiche Leistung bei abnehmendem Verbrauch (von Energie und anderen Ressourcen). Der wohl deutlich weniger bekannte Ansatz der Suffizienz stellt ein Umdenken in der Gesellschaft und Verhaltensänderungen der Menschen in den Vordergrund und nimmt die Frage des rechten Maßes in den Fokus- als eine notwendige Ergänzung zur Strategie umweltschonender Produktion. Er folgt der Einsicht, dass ein „Genug“ anstelle des „Immer mehr“ treten muss. Dies ist gleichwohl eine gesellschaftliche Frage, die sich aber auch jeder Einzelne von uns stellen muss: Es geht um eine Selbstbegrenzung vor allem der Ober- und Mittelschichten in unserem Land und um eine veränderte Abstimmung von materiellen und immateriellen Bedürfnissen im Hinblick auf unseren Konsum.

Effizienzstrategie: „Mehr aus Weniger“
Die in der umweltpolitischen Diskussion vorherrschende „Effizienz“ folgt dem Prinzip „Mehr aus Weniger“. Ökologische Effizienz strebt nach einem geringeren Einsatz von Stoffen und Energie pro Ware oder Dienstleistung und damit nach einem geringeren Naturverbrauch. Das geschieht durch verbesserte Technik und Organisation, also durch Einsparung, Wiederverwendung und Abfallvermeidung. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben aber gezeigt, dass der Gesamtverbrauch durch Effizienzgewinne nicht gesenkt wurde. Die Ressourceneinsparungen bei der Produktion und dem Verbrauch wurden durch einen Mehrverbrauch (durch erhöhte Mobilität oder die verstärkte Nutzung von Elektrogütern) zunichte gemacht wurden. Diese sogenannten „Rebound-Effekte“, einer Konsumsteigerung aufgrund von Kostenersparnissen, führten in den vergangenen Jahren zu einer weitgehenden Kompensation der erreichten Ersparnisse.

Konsistenz: Umweltverträgliche Produktion und Entsorgung
Mit Konsistenz dagegen ist der Übergang zu umweltverträglicheren Technologien gemeint. Die Strategie setzt darauf, „die Stoff- und Energieströme an die Regenerationsfähigkeit der Ökosysteme anzupassen. Der Ansatz „Cradle to Cradle“ (C2C) (auf Deutsch: Von der Wiege bis zur Wiege) sieht „ein vollständiges Recyecling bzw. eine Rückstandslose Rückführung in die Natur vor, z.B. ein kompostierbares T-Shirt, ein demontierbarer und wieder verwendbarer Fernseher. Abfälle werden bei diesem Ansatz zu Rohstoffen, Emissionen weitgehend beendet" (Fischer 2010). Die Hoffnung und Zustimmung der Menschen in Konsistenz-Strategien ist groß, denn „sie versprechen ja eine fast schmerzfreie Lösung der ökologischen Probleme“, die sich „mit dem Erhalt, ja, mit einer Steigerung des materiellen Wohlstandes verbinden lässt. (…) (Linz 2004, S.9).  Vielleicht das prominenteste Beispiel ist die Solarenergie, während viele andere Verfahren noch Zukunftsmusik sind. „Sie sind Hoffnungen, die nach dem Stand des gegenwärtigen Wissens für die ökologisch entscheidenden Jahrzehnte vor uns noch ohne Wirkung bleiben“ (Linz 2004, S. 21). Außerdem haben auch Konsistenz-Technologien eine materielle Basis (Autos brauchen Brennstoffzellen, die entsorgt werden müssen, die Nebenwirkungen vieler Konsistenz-Technologien sind noch nicht bekannt und bei „zahlreichen wichtigen langlebigen Gebrauchsgütern [wird] bis zu 80 Prozent der gesamten Umweltbelastung durch die Nutzung verursacht“ (Reisch 2005: 463).
 
Wohlstand durch Genügsamkeit: Veränderung der Konsumgewohnheiten
Der Beitrag von Effizienz und Konsistenz  zur Zukunftsfähigkeit ist unstrittig. „Wenn ihnen aber kein sie steuerndes Prinzip zur Seite gestellt wird, könnten ihre bisherigen Mängel sich leicht potenzieren“ (Linz 2005). Deshalb “erreicht Ökoeffizienz ihr Ziel nur, wenn sie durch Ökosuffizienz ergänzt wird. Ohne Suffizienz muss die Ressourceneffizienz scheitern, nur beide zusammen bringen die nachhaltige Entwicklung voran“ (Scherhorn 2008). Um Reboundeffekte zu vermeiden, darf die Produktnachfrage nur soweit steigen, dass die Ressourceneinsparung nicht gefährdet ist. Das erfordert eine Zurückhaltung in Produktion und Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen. In den Vordergrund rücken unsere Konsummuster und die Frage „Wie viel ist genug“? Der Suffizienzansatz setzt also auf einen veränderten Lebensstil, der durch die Einsicht, dass ein „Genug“ an die Stelle eines „Immer mehr“ treten muss, motiviert ist, und durch eine freiwillige Selbstbegrenzung geprägt ist.

Sinkende oder steigende Lebensqualität?
In unserer Gesellschaft ist ein gutes Leben in hohem Maße mit (wachsendem) materiellem Wohlstand und Konsum verbunden. Wenn Konsum als Voraussetzung für ein gelingendes Leben betrachtet wird, dann muss Selbstbegrenzung zunächst nach sinkender Lebensqualität klingen. Die meisten Menschen von uns aber haben statt mit Mangel, mit Übermaß zu kämpfen: Einem Übermaß an Optionen und Warenangeboten, die zur Deckung des Bedarfs eines Einzelnen zur Verfügung stehen. Der steigende materielle Wohlstand führt aber nur selten dauerhaft zu einer gestiegenen Lebenszufriedenheit. Deshalb geht es darum, das Übermaß zurückzunehmen, das Gleichgewicht von materiellen und immateriellen Bedürfnissen (Zeit, Pflege sozialer Beziehungen, Verfolgung persönlicher Projekte) in den Vordergrund zu rücken und so die Lebensqualität zu steigern.

Zum Weiterlesen:
Wuppertal Institut 2002: „Von nichts zu viel. Suffizienz gehört zur Zukunftsfähigkeit“ (WP125.pdf).

Scherhorn, Gerhard 2008: Über Effizienz hinaus. Beitrag zu: Hartard, Schaffer & Giegrich (Hrsg.), Ressourceneffizienz im Kontext der Nachhaltigkeitsdebatte. Baden-Baden 2008: Nomos Verlag.

Geibler et. al 2011: Ressourceneffizienzatlas: Eine internationale Perspektive auf Technologien und Produkte mit Ressourceneffizienzpotential, Wuppertal-Institut WP 44

Fischer, Daniel 2010:  Der Kompass "Nachhaltiger Konsum", Institut für Umweltkommunikation (INFU), Leuphana Universität Lüneburg

Oliver Stengel 2011: Suffizienz. Die Konsumgesellschaft in der ökologischen Krise, München. Leseprobe und Bestellung hier.

Linz, Manfred 2004: Weder Mangel noch Überfluß. Über Suffizienz und Suffizienzforschung, Wuppertal Papers No. 145

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