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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

Nachhaltiger Konsum

Wir konsumieren jeden Tag und deutlich mehr als für die Deckung der sogenannten Grundbedürfnisse notwendig ist. Dahinter stehen eine Vielzahl von Konsumentscheidungen: Beim Kauf von Nahrungsmitteln und Getränken, von Autos, Elektrogeräten, Spielzeug, bei Reisen uvm. Gegenwärtig ist unser Konsum für ein mehr als ein Viertel der Treibhausgasemissionen in Deutschland verantwortlich. Wenn diese Entscheidungen die ökologischen und sozialen Folgen mitberücksichtigen, ist von nachhaltigem Konsum die Rede.  Wie werden in deutschen Haushalten Entscheidungen getroffen und wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? 

Konsum ist Ausdruck des Lebensstils
„Der gegenwärtige Konsum insbesondere in den westlichen Industrieländern geht über die Befriedigung existentieller Bedürfnisse hinaus(Wants)und befriedigt neben den Grundbedürfnissen auch Kulturbedürfnisse" (www.konsumkultur.de). Er ist Ausdruck des persönlichen Lebensstils und hat so neben dem Gebrauchs- auch einen Symbolwert. „Die fatale Macht der Symbole“ verdeutlicht sich am Beispiel der „Offroader“ oder „Sport Utility Vehicls“ (SUVs), die unter Klimagesichtspunkten eine fatale Modeerscheinung sind, sich aber einer „imposanten Nachfrage“ erfreuen (Zukunftsfähiges Deutschland, S. 589). Viele „Luxusartikel“ werden in Deutschland für notwendig erklärt und erachtet, sobald sie finanzierbar sind (Beispiel Klimaanlagen in Autos oder Wohnungen). Ihr Ressourcenverbrauch aber kompensiert Einsparungen an anderer Stelle schnell über.

Was kennzeichnet „Nachhaltigen Konsum“
Unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten geraten die Produkte und Dienstleistungen in ihrem ganzen Lebenszyklus von der Produktion über die Verarbeitung, den Handel, den Verbrauch und die Entsorgung in den Blick. Aspekte eines nachhaltigen Konsums sind der geringe Energie- und Materialverbrauch in der Herstellung und Nutzung von Produkten wie auch der Entsorgung, ihr hoher Nutzwert und ihre Langlebigkeit. Sie sollen nicht gesundheitsgefährdend und fair gehandelt sein. Es geht, so zeigen die Ergebnisse der „Sozial-ökologischen Forschung“, dabei also um weit mehr als um den Kauf von Bio- oder Fair-Trade-Produkten. Nachhaltige Konsummuster berücksichtigen nicht nur das individuelle Wohl und den Preis, sondern auch die ökologischen und sozialen Folgen ihrer Kaufentscheidungen, also die gemeinschaftlichen Konsequenzen. Das bedeutet auch, Abstand zu nehmen von der zunehmenden Warenschwemme und selektiv zu konsumieren.

Hinweise für veränderte Konsummuster
Es gibt einige Indizien für sich verändernde Konsummuster. Die SGS-Verbraucherstudie 2014 zeigt, dass sich die Einkaufskriterien bei Lebensmitteln durchaus wandeln. So gaben zum Beispiel 54% der Befragten (47% in 2010) an, auf die regionale Herkunft der Lebensmittel zu achten und 48% auf artgerechte Tierhaltung. Der Umsatz von ökologischen Bio-Produkten ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen: "2015 lag der Bio-Umsatz in Deutschland bei 8,62 Mrd. Euro – das ist eine Steigerung um rund 11 Prozent gegenüber dem Vorjahr" (www.foodwatch.org). Ebenso stieg der Anteil der Menschen, die regelmäßig fair gehandelte Produkte kaufen. Auch haben sich „zahlreiche Verbraucherforen gebildet (…), um Alternativen zum bisherigen „Geiz-ist-geil“-Konsum zu finden, wie dies etwas auf der Internetplattform Utopia zu beobachten ist" (Ahaus/Heidbrink/Schmidt 2009). 

Die sogenannten „Lohas“, abgeleitet von „Lifestyle of Health and Sustainability“, sind ein besonders bekanntes Beispiel des neuen Nachhaltigkeitstypus. Mit ihrer immensen Kaufkraft „sind sie in der Lage, Unternehmen zu grundlegenden Änderungen ihrer Produktions- und Vermarktungsmethoden zu bewegen“. Ob der treibende Faktor dahinter wirklich ein Gesinnungswandel ist, bleibt zweifelhaft, denn häufig werden zwar einzelne Verhaltensweisen geändert, viele aber werden beibehalten. Die Vermutung liegt nahe, dass dahinter eher der Kauf eines „Guten Gewissens“ und Abgrenzungsinteressen über den Kauf höherwertiger Güter stehen, mit dem die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe reproduziert wird.

Von breiter Umsetzung weit entfernt 
Es besteht aber nach wie vor „eine deutliche Kluft zwischen bekundetem und tatsächlich umgesetztem Verhalten der Verbraucher, wenn es um die Realisierung nachhaltiger Konsummuster geht“ (IMUG-Studie 2014 ). Würden alle Konsumenten, die die Bedeutung nachhaltiger Konsummuster betonen, tatsächlich nachhaltig kaufen, müssten die Verkaufszahlen deutlich höher liegen. Der Anteil von Bioprodukten bei Lebensmitteln zum Beispiel aber ist trotz gestiegener Zahlen mit 4,4 % des gesamten Lebensmittelumsatzes (2014) noch immer vergleichsweise gering (www.foodwatch.org). 

Diese Widersprüchlichkeiten lassen sich auch empirisch belegen: Den Konsumenten, die aus persönlicher Überzeugung nachhaltig konsumieren und die 26 Prozent der deutschen Verbraucher ausmachen, stehen 38 Prozent gegenüber, die weder über das Bewusstsein noch über ein entsprechendes Konsumverhalten verfügen. Zwischen diesen beiden Gruppen befindet sich mit 22 Prozent diejenigen, die zwar (gern) über ethischen oder nachhaltigen Konsum reden, aber an der Kasse nicht danach handeln. (vgl. Antoni-Komar, I., Lehmann-Waffenschmidt, M., Pfriem, R. & Welsch, H. 2010)

Die Ursachen

bewegen sich in einem breiten Spektrum:
- Geldmangel, Unwissenheit, fehlenden Freiräumen, Bequemlichkeit, mangelnder Motivation , Egoismus.
- Konsumenten schwanken zwischen ihrer neu entdeckten Macht, auf den Markterfolg von Unternehmen Einfluss ausüben zu  
   können, und dem alten Gefühl der Ohnmacht, letztlich nur kleine Rädchen im Getriebe des globalen Kapitalismus zu sein.
- Überforderung der Konsumenten durch Informationsflut, dem Überangebot an Waren und der Undurchsichtigkeit vieler Labels 
   und Zertifikate schlechterdings überfordert zu sein. Die „Paradoxie der Wahl“ (Barry Schwarz) führt zu einer steigenden
   Wahrscheinlichkeit, dass am Ende keine oder eine zufällige Entscheidung getroffen wird.
- 14 Prozent der Deutschen verhalten sich eher aus zufälligen oder Vorteilsgründen (z.B. Kostenersparnis) nachhaltig.
- Irritationen bei der Auswahl der ökologisch sinnvollsten Produkte und die Aussagekraft von Labeln, z.B. inwieweit profitieren
   Erzeuger wirklich von Fair-Trade-Produkten

Geschichte des Begriffs
Die Bedeutung eines "nachhaltigen Konsums" wird in Deutschland bereits seit Mitte der 90iger Jahre intensiv diskutiert. Als ein zentrales Dokument in dem nationalen Dialog um nachhaltigen Konsum gilt die sogenannte „Tutzinger Erklärung“, mit der sich 15 gesellschaftliche Akteure im Jahr 2000 zu ihrer gemeinsamen Verantwortung für eine nachhaltige Entwicklung, auch im Konsum, bekannten. Darunter die Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände (AgV), der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE), die Evangelische Kirche, der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) sowie der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

Zum Weiterlesen:

IMUG 2016: Indikatoren für den Nachhaltigen Konsum. Kurzstudie für den Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE),17.02.2016

IMUG-Konsumstudie 2014: Nachhaltiger Konsum: Schon Mainstream oder noch Nische? im Auftrag der REWE Group

www.foodwatch.org
Internetseite des Vereins "foodwatch - Die Essenretter"

Der Kompass „Nachhaltiger Konsum“: Eine Orientierungshilfe, Institut für Umweltkommunikation (INFU), Autor: Daniel Fischer

Björn Ahaus, Ludger Heidbrink, Imke Schmidt: Chancen und Grenzen der Konsumentenverantwortung. Eine Bestandsaufnahme, Working Papers des CRRNr. 6/2009

Sozialwissenschaftliche Analysen zu Veränderungsmöglichkeiten nachhaltiger Konsummuster - Zusammenfassung, 2001 

Eine 2004 in Berlin gegründetet Initiative "fo.Kus" will VerbraucherInnen in ihren Produktentscheidungen unterstützen.

Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt, Energie 2009: Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt. Ein Anstoß zur gesellschaftlichen Debatte, Herausgeber: Bund für Umwelt und NAturschutz Deutschland (BUND) und Brot für die Welt, Evangelischer Entwicklungsdienst

Antoni-Komar, I., Lehmann-Waffenschmidt, M., Pfriem, R. & Welsch, H. 2010: WENKE 2 - Wege zum nachhaltigen Konsum. Marburg: Metropolis-Verlag. Download für 34,94 Euro beim Metropolis-Verlag .
 

Letzte Änderung: 04.07.2016

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